3 Fragen an Prof. Dr. Jochen Eckart

Tempo 30, Fahrradstädte und internationale Mobilität

DVWG: Was war Ihr persönlicher „Aha-Moment“ in Ihrer beruflichen Laufbahn in der Mobilitätsbranche?
Nach über 10 Jahren bin ich 2015 zurück nach Karlsruhe gekommen und die Stadt hat sich in diesem kurzen Zeitraum zu einer Fahrradstadt entwickelt. In vielen Städten in denen ich gelebt habe, wurde das Radfahren mit einem bestimmten Lebensstil oder Milieu verbunden. In Karlsruhe hingegen ist Radfahren heute ganz normal und einfach nur ein Verkehrsmittel um schnell und kostengünstig auf kurzen und mittleren Strecken unterwegs zu sein. Ein Aha-Moment war, wie entspannt Radfahren im Alltag ist, wenn es ganz unaufgeregte einfach nur ein normales Verkehrsmittel und nicht ein „Vehicle zur Rettung der Welt“ ist. Diesen schnellen Wandel hin zu einer Fahrradstadt hat die Stadt Karlsruhe durch die konsequente Umsetzung ihres Radverkehrskonzeptes erreicht. Der zweite Aha-Moment war daher, was für ein schneller und weitgehender Wandel auf lokaler Ebene im Radverkehr möglich ist, wenn Verwaltung, Politik und Bürgerschaft an einem Strang ziehen. 

DVWG: Welches Mobilitätsprojekt oder welche Innovation der letzten Jahre beeindruckt Sie besonders?
Mich beeindruckt weniger eine einzelne Innovation sondern vielmehr was durch langfristige, kontinuierliche und konsequente Arbeit Vieler erreicht werden kann. Ein Beispiel bildet das Themenfeld der Verkehrsberuhigung. 1985 wurden die ersten Tempo 30 Zonen versuchsweise ausprobiert und waren in der gesellschaftlichen Diskussion umstritten. In einer schrittweisen Novellierung der StVO wurden Tempo 30 Zonen zunächst in Wohngebieten abseits von Hauptverkehrsstraßen allgemein ermöglicht und dann die Grundlage für eine vereinfachte Ausweisung geschaffen. Heute sind Tempo 30 Zonen in Wohngebieten abseits von Hauptverkehrsstraßen in vielen Kommunen fast flächendeckend verbreitet. Die fachliche Diskussion der letzten Jahre konzentriert sich auf die Begrenzung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit auf Hauptverkehrsstraßen. In einer Spanne von 10 Jahren haben sich auch die Möglichkeiten der Geschwindigkeitsreduzierungen auf Hauptverkehrsstraßen durch Maßnahmen in Lärmaktionsplänen sowie die Möglichkeit von Tempo 30 im Umfeld von schutzwürdigen Nutzungen grundlegend geändert. Durch die schrittweise Entwicklung der Verkehrsberuhigung wurden über die letzten Jahrzehnte für große Anteile der Wohnbevölkerung die Lärmbelastung gesenkt, die Verkehrssicherheit erhöht und die Lebensqualität gesteigert. Ein großer Erfolg der der häufig aufgrund der langen Entwicklung übersehen wird. Wir können gespannt sein, wie diese Entwicklung langsam aber stetig weiter vorangeht. 

DVWG: Wenn Sie jungen Talenten einen Ratschlag für eine Karriere in der Mobilitätsbranche geben könnten – welcher wäre das?
Meine Empfehlung wäre über den Tellerrand der Mobilitätsbranche in Deutschland und EU hinausschauen und auch die Herausforderungen und Strategien in Schwellen- und Entwicklungsländern zu betrachten. In diesen Regionen findet gegenwärtig eine schnelle Urbanisierung statt mit der Herausforderung diese zu bewältigen aber auch der Chance jetzt die richtigen Weichen zu stellen um die Fehlentwicklungen zu vermeiden. In diesen Regionen kann daher besonders viel bewegt werden. Zudem ist ein wechselseitiges Lernen möglich, wobei wir in Deutschland insbesondere von kosteneffizienten und schnell umsetzbaren Lösungen lernen können. Ein Beispiel bilden die Konzepte von Bus-Rapid-Transit. Für eine Karriere in der Mobilitätsbranche ist daher mein Ratschlag eine internationale Perspektive. 

Prof. Dr. Jochen Eckart ist seit 2015 Professor für Verkehrsökologie an der Hochschule Karlsruhe. In seiner Forschung beschäftigt er sich mit integrierter Stadt-, Verkehrs- und Umweltplanung – von Klimaschutz über Lärmminderung bis zur Förderung nachhaltiger Mobilität. Im Gespräch mit der DVWG berichtet er von seinen Aha-Momenten in Karlsruhe, von der Erfolgsgeschichte der Verkehrsberuhigung und von der Bedeutung internationaler Perspektiven für junge Talente. Drei Antworten, die zeigen, wie Wandel im Verkehr lokal und global gelingen kann.