Der Artikel erschien exklusiv für Mitglieder bereits im Dezember in der Mitgliederzeitschrift DVWG aktuell Ausgabe 92.
Herr Knoop, Sie sprechen häufig von „mehr Mut“ in Planung und Bau. Was genau meinen Sie damit – und wo erleben Sie heute den größten Mangel an Mut im Straßen- und Verkehrswesen?
Knoop: Mit Mut meine ich natürlich kein leichtfertiges oder unüberlegtes Planen und Bauen. Mein Ansatz ist Veränderungen anzupacken und mehr Innovation zu wagen. Die Fähigkeiten und die Kreativität unserer Ingenieurinnen und Ingenieure stärker zuzulassen. Mit Mut neues zu wagen und mal wieder etwas auszuprobieren, ohne dabei unsere einschlägigen Erfahrungen und anerkannten technischen Regelwerke in Frage zu stellen. Wohl aber hemmende, gesetzliche Regelungen und Verornungen zu überprüfen.
Veränderungen brauchen wir bei der Finanzierung von Verkehrsinfrastruktur, der Planungsbeschleunigung, dem Vergabewesen von Planung- und Bauleistungen, der Digitalisierung und besonders bei der Fachkräftesicherung im Straßenbau- und Verkehrswesen
Ein zentrales Thema Ihrer Arbeit ist der Fachkräftemangel. Wie stark spüren Ihre Mitglieder diesen Engpass bereits heute in der täglichen Projektpraxis?
Knoop: Uns fehlen Ingenieurinnen und Ingenieure in allen Disziplinen des Straßen- und Verkehrswesens. Notstand herrscht bei den öffentlichen Verwaltungen, die Infrastrukturprojekte als Auftraggeber planen und umsetzen sollen. Engpass herrscht bei den Planungsbüros, die die öffentliche Hand ganz wesentlich unterstützen. Und natürlich bei den Bauunternehmen sucht man händeringend Fachkräfte.
Infrastrukturprojekte müssen bei den Ländern, Städten und Gemeinden in der Folge zur Seite gelegt werden, weil es an Personalkapazitäten fehlt. Bauliche Umsetzungen verschieben sich, weil noch an Genehmigungs- oder Ausführungsplänen gearbeitet werden muss.
Wo sehen Sie aktuell die größten Effizienzverluste in Planungs- und Bauprozessen – und wie ließen sie sich vergleichsweise schnell beheben?
Knoop: Wir müssen unterscheiden zwischen dem Neubau, dem Ausbau und dem Ersatzneubau. Bleiben wir beim Neubau. Viele reden bei den Neubauplanungen mit, viele Stellen und Träger öffentlicher Belange sind zu beteiligen. Das führt zu langen Abstimmungsprozessen. Ziel muss es sein, Prozesse zu bündeln und verbindliche Fristen für Stellungnahmen Dritter einzuführen. Wir haben eine sich stets ändernde Rechtslage und eine sich ständig ändernde Gesetzeslage. Neue Bestimmungen und Urteile führen zu Überarbeitung von laufenden Planungsprozessen.
Beim Ausbau einer Straße oder dem Ersatzneubau einer Straßenbrücke frage ich mich als Leiter einer Straßenbaubehörde, warum muss ich in einfachen Fällen unwesentlicher Bedeutung mit Wasserschutz- oder Naturschutzbehörden personalintensive Abstimmungsprozesse durchführen und formale Genehmigungsverfahren einleiten. Hier wären „Befreiungen“ ein gangbarer Weg.
Planungs- und Genehmigungsprozesse gelten als einer der größten Bremsklötze für Infrastrukturprojekte. Wo liegen aus Ihrer Sicht die größten Stellschrauben, um Verfahren wirklich zu beschleunigen?
Knoop: Deutschland muss schneller baureife Planungen im Straßen- und Brückenbau schaffen. Die Einflussfaktoren auf die behördeninternen Genehmigungsverfahren und auf die baurechtlichen Verfahren sind kritisch zu hinterfragen. Die Genehmigungsverfahren wirken sehr hemmend auf den dringenden Bedarf für Neubau, Ausbau und Ersatzbau.
Das komplexe Genehmigungsrecht und Planungsrecht müssen so vereinfacht werden, dass es in der Breite auch sichtbare Wirkung zeigt.
Die kontinuierliche Ausweitung der Rechtsschutzmöglichkeiten durch den Europäischen Gerichtshof, insbesondere dem Wegfall der Präklusion, hat die Rechts- und Planungssicherheit erheblich vermindert. Um aufwendige Planänderungen zu vermeiden, sollte auf nationaler Ebene als praxistauglicher Stichtag für die anzuwendende Sach- und Rechtslage sowie den maßgeblichen Stand von Wissenschaft und Technik das Ende des Anhörungsverfahrens festgelegt werden. Dies sollte dann nicht nur die Anwendung von Rechtsvorschriften betreffen, sondern vor allem die Daten- und Methodenaktualität bei Umweltuntersuchungen.
Um einer ideologischen Verhinderungspolitik gegenüber dem Ausbau der Straßeninfrastruktur entgegenzuwirken, sollte das Klagerecht an aktive Mitwirkungspflichten und Präklusion gebunden werden. Durch die Abschaffung des Verbandsklagerechts kann die Umsetzung von Infrastrukturprojekten beschleunigt und vereinfacht werden.
Sie sprechen davon, hemmende Strukturen durch gemeinsames Agieren der Ingenieurverbände zu überwinden. Wie könnte eine solche abgestimmte Linie konkret aussehen?
Knoop: In diesen Fachverbänden sitzen Leute aus der Praxis, und zwar aus der Verwaltung, den Ingenieurbüros, den Bauunternehmen und der Wissenschaft. Diese Menschen wissen, wo der Schuh drückt, und sie machen konkrete Vorschläge für ein schnelleres und effizienteres Planen und Bauen. Die Erkenntnis nach Veränderung ist bei den verantwortlichen Stellen in der Politik und in den Ressorts vorhanden. Eine abgestimmte Linie und ein gebündeltes und ein gemeinsames Vorgehen der Fachverbände können mehr Bewirken und werden öffentlich sichtbar und stärker wahrgenommen.
In Ihren Stellungnahmen betonen Sie immer wieder die Rolle der Digitalisierung und der KI. Wo kann KI im Straßen- und Verkehrswesen heute schon einen spürbaren Mehrwert bringen – und wo ist das noch Zukunftsmusik?
Knoop: Unsere Erfahrungen mehren sich im Arbeitsleben ständig und mit dem lebenslangen Lernen wächst unser persönliches Wissen. Mensch und Maschine produzieren im Arbeitsprozess, ohne dass wir uns dessen bewusst sind, täglich Milliarden von Daten. Diese wertvollen intelligenten Rohstoffe bleiben heute leider in vielen Fällen noch ungenutzt und landen bildhaft gesprochen in der Tonne.
Die Anwendung von KI kann Ingenieurinnen und Ingenieure beim Planen, Prüfen, Bewerten, Ausschreiben und Umsetzen von Bauleistungen eine wertvolle Hilfe sein. Im Alltag fallen Arbeitsroutinen und Arbeitsanteile an, bei denen auf Grundlage zuvor umfangreich erfasster Daten die KI „mitarbeiten“ und vor allem „entlasten“ kann.
Wie stellen wir sicher, dass Digitalisierung und KI tatsächlich zu besseren, schnelleren und nachhaltigeren Lösungen führen – und nicht nur zu mehr Komplexität?
Knoop: Meine Position ist, wir müssen KI intelligent anwenden und auch intelligent überprüfen. Das bedeutet, einen offenen und zugleich kritischen Einsatz von KI. Ein breit aufgestellter fachlicher Austausch und eine regelmäßige Vernetzung der Anwender kann den Einsatz von KI festlegen, definieren und fördern. Das wir die KI dabei Regeln unterordnen müssen ist unbestritten. Cyberangriffe sind längst Alltag und die Unternehmen kämpfen und betreiben viel Aufwand, sich dagegen zu schützen. Ein allzu unkritischer Umgang mit KI wäre also fahrlässig.
Viele junge Ingenieur:innen erleben die Branche als stark reguliert und wenig flexibel. Was müsste sich ändern, damit der Beruf im Straßen- und Verkehrswesen für den Nachwuchs wieder deutlich attraktiver wird?
Knoop: Das ist ganz einfach. Wir müssen die natürliche Begeisterung für das Planen, das Entwickeln und das Bauen bei den jungen Menschen fördern. Wir müssen sie machen lassen. Wir müssen sie laufen lassen, auch wenn dabei Fehler passieren. Wir müssen ihnen zeigen, das sie Freiheiten haben. Macht! Auch wenn’s mal schief geht. Aus Fehlern lernt man. Also: Mut machen!
Abschließend würde ich gerne den Blick auf die Zusammenarbeit richten: Welche Rolle wünschen Sie sich für die DVWG im Zusammenspiel mit der BSVI, wenn es um Digitalisierung, KI und die Zukunft des Straßen- und Verkehrswesens geht?
Knoop: Die BSVI macht alles mit, wenn es darum geht die Verkehrsinfrastruktur im Land zu modernisieren, auszubauen und nachhaltig zu verbessern. Allein, dass wir beide uns so wunderbar heute in diesem Interview austauschen ist ein sehr guter Auftakt und kann ein Beginn weiteren konstruktiven und gemeinsamen Handels für eine gute Zukunft sein.
Das Interview führte Steffen Opitz
