DVWG: Was war Ihr persönlicher „Aha-Moment“ in Ihrer beruflichen Laufbahn in der Mobilitätsbranche?
Früher arbeitete ich in der internationalen Zusammenarbeit und befasste mich unter anderem mit Mobilitätsprojekten. Bis ich eines Tages in einer südostasiatischen Metropole im Stau stand. Ich kam von einer Veranstaltung, auf der kluge Leute aus Europa erzählten, wie man Schnellstraßen baut. Und während ich dort saß und die Autos um mich herum vor sich hin dampften, dachte ich an deutsche Städte, die von Schnellstraßen zerschnitten sind. An Lärm, Gestank, Unfälle. An tausende Tote jedes Jahr. Und dann fragte ich mich: Warum um Himmels willen exportieren wir ein System, das bei uns schon nicht funktioniert?
In diesem Moment wurde mir klar: Veränderung beginnt vor der eigenen Haustür.
DVWG: Welches Mobilitätsprojekt oder welche Innovation der letzten Jahre beeindruckt Sie besonders?
Superblocks – oder Kiezblocks, wie sie in Berlin heißen – beeindrucken mich besonders. Sie zeigen, dass man mit wenig viel erreichen kann: Bestehende Strukturen bleiben, doch Straßen werden sicherer, menschenfreundlicher, klimaangepasster und lebendiger. Und das alles mit vergleichsweise geringem Aufwand – schnell und wirkungsvoll.
In vielen deutschen Städten fordern Bürger:innen diese Veränderungen bereits selbst, und hier und da reagieren auch politische Entscheidungsträger:innen. Ein Blick nach Barcelona, Valencia, Paris, Gent, Łódź, London oder Mailand zeigt: Superblock-ähnliche Konzepte funktionieren und bringen klare Vorteile.
DVWG: Wenn Sie jungen Talenten einen Ratschlag für eine Karriere in der Mobilitätsbranche geben könnten – welcher wäre das?
Fangt doch einfach mal in den kommunalen Verwaltungen an! Da bekommt man hautnah mit, wie die Mobilitätswende funktioniert – und auch, wie sie nicht funktioniert. Diese Erfahrung bietet einem für so ziemlich alles in der Karriere eine gute Vorbereitung. Und diese Einblicke bekommt man wirklich nicht überall. Man muss ja nicht für immer bleiben. Ja, es kann manchmal zäh werden. Und nein, momentan ist es nicht gerade der Ort, an dem man sich eine goldene Nase verdient. Aber ohne engagierte Leute in den kommunalen Verwaltungen können wir alle gleich Feierabend machen. Ich ziehe meinen Hut vor denen, die sich dort mit so viel Energie für bessere Mobilität einsetzen. Was sie leisten, ist wirklich bewundernswert.
Dr. Dirk von Schneidemesser forscht am GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung zu nachhaltiger Mobilität und Luftqualität. Im Gespräch mit der DVWG berichtet er von seinem persönlichen Aha-Moment im Stau einer südostasiatischen Metropole, von seiner Begeisterung für Superblocks und von der wichtigen Rolle kommunaler Verwaltungen für die Mobilitätswende. Drei Fragen, drei klare Antworten – mit Blick auf Praxis, Innovation und persönliche Erfahrung.
