Kommentar von Prof. Dr. Jan Ninnemann
Europa steht aktuell vor einer herausfordernden Situation und wird wieder einmal auf die Probe gestellt. Die wirtschaftlichen Unsicherheiten und der erstarkende Nationalismus in vielen Ländern unseres Kontinents sind besorgniserregend. Für mich, als Präsident der Deutschen Verkehrswissenschaftlichen Gesellschaft e. V. (DVWG), ist es daher wichtiger denn je, klare Haltung zu zeigen und für ein starkes Europa einzutreten.
In meiner Heimatstadt Hamburg, einem bedeutenden Logistik- und Hafenstandort, erlebe ich täglich, wie wichtig internationale Zusammenarbeit ist. Häfen sind seit jeher Tore zur Welt, Orte, an denen Kulturen aufeinandertreffen und Menschen sich begegnen. Dieses Prinzip der Offenheit und des Austauschs prägt nicht nur meinen beruflichen Werdegang als Logistik- und Hafenexperte, sondern auch meine persönlichen Überzeugungen.
Als leidenschaftlicher Handballspieler weiß ich, wie entscheidend Teamgeist und Zusammenhalt sind – Werte, die nicht nur auf dem Spielfeld, sondern auch in unserer Gesellschaft und in Europa gelten sollten. Eine offene Gesellschaft, in der Vielfalt als Stärke und nicht als Bedrohung gesehen wird, ist für mich essentiell.
Als DVWG sind wir europaweit gut vernetzt und wissen aus Erfahrung, wie kraftvoll und bereichernd Zusammenarbeit sein kann, wenn sie über nationale Grenzen hinweg erfolgt. Unsere Arbeit und unser Austausch mit anderen Fachgesellschaften bringen nicht nur die Verkehrswissenschaften voran, sondern fördern auch auf persönlicher Ebene Verständnis und Akzeptanz. Durch das Lernen voneinander und miteinander entstehen neue Ideen und innovative Lösungen, die uns alle weiterbringen. Insbesondere fördern wir den wissenschaftlichen Nachwuchs, um die zukünftigen Generationen zu befähigen, diese Tradition der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit fortzusetzen.
Europas größte Stärke ist seine unglaubliche Vielfalt. Diese Vielfalt bringt uns ständig neue Perspektiven und bereichert unseren Horizont. Sie hilft uns, komplexe Probleme aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten und innovative Lösungen zu finden. In einer globalisierten Welt ist diese Vielfalt ein unschätzbarer Vorteil, den es zu bewahren und zu fördern gilt. Natürlich ist es nicht immer leicht, diese Vielfalt unter einen Hut zu bringen oder sich zu verständigen. Doch diese Barrieren müssen abgebaut werden, und mit einem starken Willen werden sie in Zukunft keine Hindernisse mehr darstellen.
Wir bekennen uns daher ausdrücklich zur Demokratie und zu einem starken und vereinten Europa, das auf gemeinsamen Werten, Solidarität und Zusammenarbeit basiert. Die aktuellen Herausforderungen erfordern ein geeintes Auftreten und eine gemeinsame Vision. Nur so können wir die Zukunft Europas positiv gestalten und die Errungenschaften der letzten Jahrzehnte sichern.
Am 9. Juli haben wir gemeinsam mit unseren Partnern der Österreichischen Verkehrswissenschaftlichen Gesellschaft (ÖVG) und der European Platform of Transport Sciences e. V. (EPTS) die Passauer Erklärung unterzeichnet. Mit dieser Erklärung setzen wir uns für eine nahtlose europäische Mobilität und die Völkerverständigung ein. Ich habe diese Erklärung als Präsident der DVWG mit großer Überzeugung unterzeichnet, weil ich fest daran glaube, dass Mobilität eine Grundlage der Freiheit und des Zusammenhalts in Europa ist.
Die Passauer Erklärung trägt drei zentrale Botschaften, die ich hervorheben möchte:
- Grenzenlose Mobilität als Grundbedürfnis: Mobilität über Grenzen hinweg ist ein Ausdruck der Freiheit aller Menschen und stärkt sowohl den europäischen Binnenmarkt als auch das europäische Zusammengehörigkeitsgefühl.
- Förderung der Völkerverständigung: Die Zusammenarbeit von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus verschiedenen Nationen und Disziplinen fördert gegenseitiges Verständnis und Akzeptanz.
- Abbau von Mobilitätshindernissen: Ein inklusiver, proeuropäischer Gedanke erfordert einfache und verständliche Regeln sowie eine grenzübergreifend nahtlose und barrierefreie Infrastruktur.
Die DVWG hat bereits als Gründungsmitglied der EPTS bewiesen, dass Zusammenarbeit über Landesgrenzen hinweg möglich und erfolgreich ist. Im April dieses Jahres haben wir in Innsbruck den DACH-Kongress ausgerichtet, um die Zusammenarbeit in der Alpenregion zu verstärken. Im September beteiligen wir uns mit einer Abordnung am Europäischen Verkehrskongress in Warschau.
Ich bin überzeugt von meinen Präsidiumsmitgliedern und den hauptamtlichen Mitarbeitern der DVWG. Sie alle verkörpern und leben die europäische Idee und tragen täglich dazu bei, unsere Vision eines geeinten und kooperativen Kontinents zu verwirklichen. Ihr Engagement und ihre Überzeugung sind es, die unsere Arbeit so erfolgreich machen und mir die Zuversicht geben, dass wir gemeinsam die Herausforderungen meistern werden. Mit dem 10. Deutschen Mobilitätskongress heben wir dieses Engagement auf ein neues Level. Erstmals wird ein Gastland zentraler Bestandteil des Kongressprogramms sein – den Anfang macht Österreich. Ich freue mich auf die Delegation, die den Kongress mit frischen Perspektiven bereichern, neue Gedanken anstoßen und Erkenntnisse aus ihren eigenen Erfahrungen mit uns teilen wird.
In Zeiten wie diesen ist es unerlässlich, die Vorteile eines vereinten Europas hervorzuheben und die Bedeutung der Zusammenarbeit ins Gedächtnis zu rufen. Als DVWG stehen wir für ein starkes Europa, das auf gemeinsamen Werten, Solidarität und Zusammenarbeit basiert. Nur gemeinsam können wir die Herausforderungen meistern und die Vision eines geeinten und kooperativen Kontinents verwirklichen.
