Prof. Dr. Andreas Knie ist Mobilitätsforscher und einer der bekanntesten Experten für die Zukunft des Verkehrs in Deutschland. Er leitet die Forschungsgruppe „Digitale Mobilität und gesellschaftliche Differenzierung“ am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Transformation von Mobilität, neuen Mobilitätskonzepten sowie der Rolle von Digitalisierung und gesellschaftlichem Wandel. Im Gespräch mit der DVWG erläutert er, warum die Mobilitätswende weit mehr ist als ein Technologiewechsel und welche Bedeutung nutzerorientierte Mobilitätsangebote für die Zukunft haben.
Opitz: Herr Professor Knie, Sie sagen häufig, dass Mobilität beim Menschen im Kopf beginnt. Wo sehen Sie derzeit den größten Perspektivwechsel, den Politik, Verwaltung und Verkehrsunternehmen vollziehen müssen?
Knie: Wir planen Mobilität in Deutschland noch immer zu stark aus der Perspektive der technischen Infrastruktur. Die eigentliche Frage muss aber lauten: Wie kommen Menschen möglichst einfach, zuverlässig und selbstbestimmt von A nach B? Wenn wir diesen Perspektivwechsel schaffen, verändern sich viele Entscheidungen fast automatisch. Dann werden Barrierefreiheit, verständliche Informationen, einfache Tarife und attraktive Umsteigemöglichkeiten nicht mehr als Zusatzaufgabe verstanden, sondern als selbstverständlicher Bestandteil guter Mobilität.
Opitz: Im Zusammenhang mit Barrierefreiheit sprechen Sie häufig von einer fehlenden „Kultur der Zugänglichkeit“. Was meinen Sie damit?
Knie: Barrierefreiheit wird in Deutschland häufig nur als gesetzliche Pflicht verstanden, die möglichst kostengünstig erfüllt werden soll. Dabei profitieren von guter Zugänglichkeit nicht nur Menschen mit Behinderungen, sondern alle: Familien mit Kinderwagen, ältere und jüngere Menschen, Reisende mit Gepäck oder Menschen, die sich in einer fremden Umgebung orientieren müssen. Gute Mobilität ist immer einfach, sonst funktioniert sie nicht.
Opitz: Digitalisierung gilt als Schlüssel der Mobilitätswende. Gleichzeitig erleben viele Nutzerinnen und Nutzer digitale Angebote als kompliziert. Woran liegt das?
Knie: Digitalisierung ist ja kein Selbstzweck. Viele Anwendungen werden aus Sicht der Anbieter entwickelt und nicht aus Sicht der Nutzer. Eine gute Mobilitäts-App erklärt sich nahezu von selbst. Sie reduziert Komplexität, statt neue Hürden aufzubauen. Digitale Angebote müssen genauso barrierefrei und intuitiv sein wie die Infrastruktur im öffentlichen Raum. Da sind wir in Deutschland noch Entwicklungsland.
Opitz: Die Mobilitätswende wird häufig auf Antriebsformen reduziert. Reicht das aus?
Knie: Nein. Ein Elektroauto ersetzt zunächst einmal nur einen Verbrenner. Die eigentliche Transformation besteht darin, Mobilität insgesamt intelligenter zu organisieren, um mit viel weniger Fahrzeugen auszukommen. Es geht um die Vernetzung verschiedener Verkehrsmittel, attraktive öffentliche Angebote sowie um Sharing-Modelle und digitale Dienste. Die Zukunft liegt nicht in einem einzigen Verkehrsmittel, sondern in einem funktionierenden Gesamtsystem.
Opitz: Welche Rolle spielt dabei das Design von Mobilitätsangeboten?
Knie: Design wird oft auf Gestaltung reduziert. Tatsächlich entscheidet gutes Design darüber, ob Menschen ein Angebot verstehen und gerne nutzen. Das betrifft Fahrzeuge ebenso wie Bahnhöfe, Informationssysteme oder digitale Anwendungen. Gute Gestaltung schafft Orientierung, Sicherheit und Vertrauen – und damit letztlich Akzeptanz für neue Mobilitätsangebote.
Opitz: Was würden Sie jungen Verkehrsplanerinnen und Verkehrsplanern mit auf den Weg geben?
Knie: Raus aus den Fachgrenzen und hinein in die Lebenswirklichkeit der Menschen. Mobilität entsteht nicht am Reißbrett, sondern im Alltag. Wer verstehen möchte, wie Mobilität künftig funktionieren soll, muss beobachten, zuhören und unterschiedliche Perspektiven ernst nehmen. Die besten Lösungen entstehen dort, wo Aufbruchstimmung und Wagemut herrschen und die Bereitschaft vorhanden ist, Neues zu wagen.
Opitz: Welche Rolle kann die DVWG dabei übernehmen?
Knie: Die DVWG bringt Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Verwaltung zusammen – genau das brauchen wir. Die großen Herausforderungen der Mobilität lassen sich nicht innerhalb einzelner Disziplinen lösen. Es braucht neutrale Räume für den Austausch, wissenschaftliche Debatten und den Mut, neue Ideen frühzeitig zu diskutieren. Die DVWG kann hierfür eine wichtige Plattform sein und den Dialog zwischen Forschung und Praxis weiter stärken.
