Die Verkehrswende ist eines der großen Projekte unserer Zeit – und eines der umstrittensten. Sie verlangt nicht nur neue Technologien und Infrastrukturen, sondern auch Veränderungen im Alltag von Millionen Menschen. Genau hier entscheidet sich, ob politische Maßnahmen greifen oder scheitern. Denn ohne Akzeptanz ist selbst das beste Konzept kaum umsetzbar.
Lange Zeit war wissenschaftliche Politikberatung ein geschlossener Prozess: Forschende liefern Analysen, Politik und Verwaltung treffen Entscheidungen. Doch dieses Modell stößt zunehmend an Grenzen. Gerade bei komplexen Transformationsprozessen wie der Verkehrswende zeigt sich, dass Fachwissen allein nicht ausreicht. Es braucht die Perspektiven derjenigen, die die Veränderungen konkret betreffen.
Bürgerbeteiligung rückt deshalb stärker in den Fokus. Sie soll helfen, Konflikte frühzeitig sichtbar zu machen, Interessen abzuwägen und tragfähige Lösungen zu entwickeln. Formate gibt es viele: von klassischen Dialogveranstaltungen über Workshops bis hin zu Bürgergutachten oder Reallaboren. Gemeinsam ist ihnen das Ziel, Erfahrungswissen aus dem Alltag mit wissenschaftlicher Expertise zu verbinden.
Das Potenzial ist groß. Wenn Bürgerinnen und Bürger ihre Erfahrungen einbringen, entstehen oft differenziertere Bilder von Problemen und möglichen Lösungen. Maßnahmen lassen sich realistischer einschätzen, Nebenwirkungen werden früher erkannt. Nicht zuletzt kann Beteiligung Vertrauen schaffen – ein knappes Gut in Zeiten wachsender Skepsis gegenüber politischen Entscheidungen.
Doch der Weg dahin ist anspruchsvoll. Beteiligung muss gut organisiert und professionell moderiert werden. Wer darf mitreden? Wie wird sichergestellt, dass nicht nur besonders engagierte oder laute Gruppen Gehör finden? Und wie lassen sich Ergebnisse so aufbereiten, dass sie tatsächlich in politische Prozesse einfließen?
Gerade die Frage der Repräsentativität ist entscheidend. Häufig beteiligen sich vor allem Menschen, die ohnehin politisch interessiert und gut informiert sind. Andere bleiben außen vor – sei es aus Zeitmangel, fehlendem Vertrauen oder weil die Formate nicht zugänglich genug sind. Soll Bürgerbeteiligung mehr sein als ein Feigenblatt, braucht es gezielte Strategien, um auch diese Stimmen einzubeziehen.
Hinzu kommt eine weitere Herausforderung: Beteiligung erzeugt Erwartungen. Wenn Bürgerinnen und Bürger Zeit und Energie investieren, wollen sie verstehen, wie ihre Beiträge Wirkung entfalten. Bleibt diese aus, droht Frustration – und im schlimmsten Fall ein weiterer Vertrauensverlust. Transparenz über Ziele, Spielräume und Grenzen der Beteiligung ist daher unerlässlich.
Für die wissenschaftliche Politikberatung bedeutet das einen Rollenwandel. Sie ist nicht länger nur Lieferantin von Fakten, sondern zunehmend Vermittlerin zwischen unterschiedlichen Akteuren und Perspektiven. Sie muss komplexe Zusammenhänge verständlich machen, Dialoge ermöglichen und Unsicherheiten offen benennen. Das erfordert die Bereitschaft, traditionelle Arbeitsweisen zu hinterfragen und ungewohnte zu erproben. Neue Kompetenzen an der Schnittstelle Wissenschaft, Politik und Gesellschaft können dabei unterstützen.
Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung hat dafür eine Abteilung gegründet, die genau an dieser Schnittstelle ansetzt. Ziel ist es, den Dialog zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft zu gestalten. Eine Besonderheit ist ein breit angelegter Bürgerbeteiligungsprozess im Rahmen des Kopernikus-Projekts Ariadne, der durch die Policy Unit geleitet wird. Seit 2023 tauschten sich über 50 Bürgerinnen und Bürger aus ganz Deutschland miteinander und der Wissenschaft zur Frage aus, wie die Verkehrswende effektiv und gesellschaftlich tragfähig vorangebracht werden kann. Um einen möglichst repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung abzubilden, wurden die Teilnehmenden in einem mehrstufigen Verfahren zufällig ausgewählt. Neben grundsätzlichen Auswahlkriterien wie Alter und Geschlecht wurden im Prozess auch Autobesitz und Antriebsart sowie Wohnort (Stadt oder Land) berücksichtigt. Um auch Menschen zu gewinnen, die sich häufig nicht beteiligen, wurden in einigen Gemeinden Personen persönlich zu Hause besucht, die nicht auf das Einladungsschreiben reagiert hatten.
Zu Beginn des Beteiligungsprozesses, im Juni 2024, fand eine Bürgerkonferenz in Fulda statt, die Erwartungen absteckte sowie grundlegende Fragen der Verkehrswende zwischen Wissenschaft und Bürgerinnen und Bürgern diskutierte. Im Mittelpunkt des Beteiligungsprozess stand die Suche nach tragfähigen Politikmixen aus verschiedenen Maßnahmen - etwa E-Pkw-Kaufanreize, dem Deutschlandticket, dem Abbau des Dieselprivilegs und der Radverkehrsförderung – mit dem Ziel, die Treibhausgasemissionen zu reduzieren. Das Projektteam machte dabei auch deutlich, dass es keine Garantie gab, dass die erarbeiteten Ergebnisse politisch umgesetzt würden. Wissenschaft - auch jene, die Bürgerinnen und Bürger einbezieht - kann den gesellschaftlichen Diskurs informieren und politische Entscheidungen vorbereiten, nicht jedoch Politik ersetzen.
Dennoch blieb das Interesse der Bürgerinnen und Bürger über die gesamten zwei Jahre hoch. Ergänzende Befragungen bestätigten, dass über 80 % der Beteiligten erneut an einem Bürgerdialog mit der Wissenschaft teilnehmen würden. Als besonders wertvoll erlebten sie den Austausch mit Forschenden sowie mit Menschen außerhalb der eigenen Blase. Nach Ansicht der Mehrheit der Teilnehmenden trugen die Dialogformate dazu bei, neue Sichtweisen zu gewinnen - über das Thema, aber auch über demokratische Aushandlungsprozesse. Das stärkt das Verständnis für politische Prozesse insgesamt und zeigt auf, welche Möglichkeiten bestehen, Transformation voranzubringen.
Gleichzeitig bietet Bürgerbeteiligung die Chance, wissenschaftlich erarbeitete Entscheidungsgrundlagen zu verbessern. Sie macht Zielkonflikte sichtbar, erweitert den Blick auf mögliche Lösungswege und stärkt die Legitimität politischer Maßnahmen. Gerade bei der Verkehrswende, die tief in den Alltag eingreift, kann das den entscheidenden Unterschied machen. Denn am Ende geht es nicht nur um effizientere Verkehrssysteme oder geringere Emissionen. Es geht auch um Lebensqualität, Gerechtigkeit und die Frage, wie wir künftig mobil sein wollen. Diese Fragen lassen sich nicht allein im Expertengremium beantworten.
Die Verkehrswende wird nur dann gelingen, wenn sie von einer breiten gesellschaftlichen Basis getragen wird. Bürgerbeteiligung in der Forschung ist dafür kein Allheilmittel – aber ein zentraler Baustein. Richtig gestaltet, kann sie dazu beitragen, aus kontroversen Debatten tragfähige Lösungen zu entwickeln.
Katja Treichel-Grass ist Politikanalystin und leitet den Bürgerberatungsprozess im Ariadne-Projekt am Potsdam-Institut für Klimaforschung.
Sie untersucht Energiewendestrategien und deren systemische Effekte sowie sektorale Interaktionen und untersucht, wie politische Instrumente Klimaziele effizient und sozial ausgewogen erreichen können. Das Projekt befasst sich insbesondere mit Entscheidungsproblemen in der Politik, initiiert aber auch Debatten mit Politik, Stakeholdern und Bürgerinnen und Bürgern. Schließlich kann die Energiewende nur durch einen gemeinsamen Lernprozess gelingen.
